Anoushka Shankar – “Traces Of You”

Mi, Apr 1, 2015

Anoushka Shankar

Anoushka Shankar – “Traces Of You”

“Traces Of You” heisst das neue Projekt der Ausnahmekünstlerin ANOUSHKA SHANKAR – und unter dem gleichen Titel kommt die indische Musikerin mit ihrem neuen Projekt nach Europa.
Es gibt wohl kaum ein anderes Musikinstrument, das so archaisch und spirituell anmutet wie die Sitar, das bekannteste traditionelle Saiteninstrument der nordindischen Musik. Die Sitar, die vermutlich im 13. Jahrhundert erfunden wurde, aber gemeinsame Wurzeln mit der sehr viel älteren Vina hat, ist schon äußerlich ein Kunstwerk. Ihr Klang war lange Zeit im Westen kaum bekannt, bis Ravi Shankar eine ganz neue Welt von Möglichkeiten eröffnete. Durch seine bahnbrechenden Tourneen, richtungsweisenden Kompositionen für Orchester oder Künstler wie Yehudi Menuhin sowie mit seiner Arbeit als Lehrer von George Harrison, John Coltrane und Philip Glass brachte er seine Musik und seine Kultur einem weltweiten Publikum aus den verschiedensten Altersgruppen und Schichten nahe. Er war nicht nur eine der großen Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, sondern darüber hinaus auch ein musikalischer Philosoph, dessen Sitar die Menschen zusammen¬führte und dessen Spiritualität kulturelle und politische Unterschiede überwand. Dass die Sitar inzwischen einen festen Platz im musikalischen Weltbild aufgeschlossener Zuhörer hat, ist allein Ravi Shankar zu verdanken.
Anoushka Shankar bewahrt jetzt die musikalische Philosophie ihres Vaters und führt sie zugleich in neue Klangräume und Kontexte. Die 32-jährige Künstlerin studierte die klassische indische Musik bei Ravi Shankar und trat fast 20 Jahre hindurch mit ihm auf. Zudem genoss sie eine ungewöhnliche, vorurteilsfreie Erziehung in drei Kontinenten und hat den kulturellen Dialog, den ihr Vater begann, in ihrer eigenen Musik stets weiter vorangetrieben. Ihr erstes Album, Anoushka, veröffentlichte sie 1998 mit gerade einmal 17 Jahren, und seither hat sie mit so unterschiedlichen Musikern wie Sting, Herbie Hancock, Jethro Tull, Concha Buika, Mstislaw Rostropowitsch und Thievery Corporation zusammengearbeitet. Während der letzten 15 Jahre hat diese lebhafte, visionäre und besonnene Musikerin behutsam und erfolgreich traditionelle indische Klänge in eine von modernen Stilrichtungen geprägte Musiklandschaft eingebettet und damit jüngeren Generationen die spirituellen Wurzeln ihrer Musik nahe gebracht.
Shankars siebte CD, Traces of You, ist ein bedeutender Schritt auf ihrem Weg als Musikerin und Frau. Unter der Zielsetzung, eine Vielzahl kultureller Erfahrungen und Einstellungen so organisch wie möglich zu vereinen, arbeitete sie mit dem in London ansässigen britisch-indischen Produzenten Nitin Sawhney. Er ist besonders bekannt für die Verbindung von östlichen Elementen und elektronischen Klängen bzw., allgemeiner formuliert, für eine unorthodoxe Mischung westlicher und östlicher Klangwelten – dafür bietet London, Anoushkas Geburtsstadt und Domizil, das perfekte Ambiente.
In Traces of You geht es jedoch um mehr als die Lösung musikalischer Probleme. Die Richtung der ursprünglichen – und rein musikalischen – Arbeit wurde von der Vorstellung bestimmt, dass alles im Universum einen unauslöschlichen Abdruck oder eine feine »Spur« auf allem anderen hinterlässt, mit dem es in Kontakt kommt, und Anoushka fand Inspiration in ihren persönlichen Beziehungen und ihrem multikulturellen Lebensstil, um eine Reise von Liebe, Wandel und Verlust nachzuzeichnen. Tatsächlich hinterließ das Leben selbst Spuren auf der Produktion des Albums. Als sie während der Aufnahmen ihren Vater verlor, wurde dieser Verlust zwangsläufig zum Mittelpunkt ihres Songwriting. Doch die Musik ist letztlich eher hoffnungsvoll als trauernd, denn Anoushka verlor zwar ihren Vater, sorgte aber zur selben Zeit auch für ihren kleinen Sohn Zubin. Intensive Freude, Schmerzen und Traurigkeit mischten sich, und Traces of You wurde in einer schwierigen Zeit zu Anoushkas Katharsis, die schließlich zum größeren Gefühl hinter allen anderen führte: zur Liebe. Drei Arten der Liebe – Liebe zu ihrem Vater, ihrem Ehemann und ihrem Sohn – erwiesen sich als die eigentliche Inspira¬tion für eine Musik, die zum Tiefsten gehört, was Anoushka bisher geschrieben hat. Sie arbeitete über ein Jahr an Traces of You, das sie als Einheit konzipierte, als in sich geschlossenen Kreis vom ersten bis zum letzten Stück. »Ich habe dieses Album als ein Ganzes aufgefasst«, erklärt sie, »im Gegensatz zu einer Abfolge von Liedern. Vieles geschah dabei unbewusst. Das Leben schlug seinen eigenen Weg ein, und die Musik folgte ihm. Die Sitar führt den Zuhörer wie ein Erzähler durch das Album.«
Unter diesem Aspekt ist sicher bemerkenswert, dass die einzelnen Stücke zwar beträcht¬lich kürzer sind als traditionelle Ragas, aber ein deutlicher narrativer Faden nicht nur die drei Songs verbindet, in denen ihre Halbschwester Norah Jones als Gesangssolistin auf¬tritt, sondern auch die zehn instrumentalen Stücke. Shankars zentrales Thema ist der Zyklus des Lebens – aus ihrer Perspektive als Tochter, Mutter und Ehefrau. »Das Leben geht weiter. Dinge enden und Dinge beginnen, und unser Ende ist nicht das Ende, denn das Leben geht nach uns weiter, und wir existieren nach diesem Leben weiter. Es ist größer, als ich mir je vorstellen kann, und es gibt ein Fließen, das alles miteinander verbindet, auch wenn man es im Augenblick nicht wirklich verstehen kann. Viele der schmerzlichsten Dinge in meinem Leben haben zu einigen der schönsten Dinge geführt, die ich je erlebte. Diese Art der Verwandlung war mir sehr bewusst, als ich das Album machte. Es gab viel Schmerz, viel Freude, viel Schönheit, viel Traurigkeit, und manchmal war alles gleichzeitg vorhanden.
Trotz seines ausgeprägten multikulturellen Charakters ist Traces of You weit mehr als nur ein weiteres Crossover-Album. Es geht nicht darum herauszufinden, wie weit man bei der Verschmelzung vertrauter Klangstrukturen gehen kann, sondern um die Frage, wie präzise die Musik unzählige geistige Verfassungen und Erfahrungen innerhalb einer Realität wiedergeben kann, die von einer solchen Vielzahl unterschiedlicher Kulturen, Ethnien, Traditionen und Lebensgeschichten bestimmt ist. Diese CD hat nicht nur etwas über Anoushka Shankar zu sagen, sondern über jeden Zuhörer, der bereit ist, sich auf die im Einzelnen verschiedenartigen, zusammen aber ein Ganzes bildenden Stücke einzu¬lassen. In ihrer Gesamtheit zeigen die 13 Kapitel von Anoushkas Erzählung zahlreiche Ober- und Untertöne, die das ganze Album durchziehen und von der vergänglichen Natur der Welt künden.
Traces of You ist auch ein Gemeinschaftswerk. Nitin Sawhney war an allen Aspekten der CD beteiligt: von den kreativen Prozesses des Schreibens und Arrangierens, der Programmgestaltung und Aufführung bis hin zu den abschließenden Stadien der Produk¬tion. Shankar hatte vorher schon zweimal mit Sawhney gearbeitet und wusste, dass sie absolutes Vertrauen in sein intuitives Erfassen der von ihr erdachten Klangwelten setzen konnte. Die außerordentliche Flexibilität von Stücken wie Flight, Maya und Lasya beruht auf den nahezu unbegrenzten Möglichkeiten des Hang, eines relativ neuen Instruments, das ungefähr wie eine Kreuzung von Steel Drum und fliegender Untertasse aussieht. Der österreichische Hang-Spieler Manu Delago versteht es perfekt, sein Instrument mit der Sitar, mit dem sanften Cello von Ian Burdge sowie Sawhneys virtuosem Gitarren- und Klavierspiel und raffinierten elektronischen Klängen zu verschmelzen. Eine Vielfalt an indischen Schlaginstrumenten, gespielt von Anoushkas regelmäßigen musikalischen Part¬nern Tanmoy Bose und Pirashanna Thevarajah, schafft ebenfalls zahlreiche kurzzeitige Brücken zwischen den Welten. In den drei Stücken, in denen Norah Jones mit Shankar auftritt, klingen die sehr unterschiedlichen Timbres der beiden Künstlerinnen erstaunlich gut zusammen – keine der Musikerinnen muss der anderen Zugeständnisse machen. Die Songs passen hervorragend zur zarten Intensität von Jones’ rauchiger Stimme, und Shankars kluge Verwendung indischer Rhythmik in der Begleitung schafft überraschende Strukturen um die Vocals der beiden Schwestern herum. Das gilt besonders für das eindrucksvolle erste Stück des Albums, The Sun Won’t Set, in dem die Lebens¬erfahrungen aus drei Kontinenten brillant zusammenfließen. Wie ihr Vater besitzt Anoushka Shankar eine große Begabung, auch die gegensätzlichsten musikalischen Elemente mühelos in ihre Klangwelt zu integrieren.
Diesen Ansatz wählt sie für alle Songs auf diesem Album: sei es das vom Minimalismus beeinflusste Metamorphosis, das Electronica nahe stehende Maya, die durch Americana geprägten Songs, die Norah Jones singt, oder die von der Sitar bestimmten, auf dem Raga basierenden Kompositionen Monsoon und In Jyoti’s Name, die nachdrücklich Shankars Wurzeln in der klassischen indischen Musik in Erinnerung bringen. Das barock klingende Kleinod Indian Summer mit seiner hypnotischen Verschmelzung von Sitar und Sawhneys Klavier scheint zunächst nicht recht zu den oben erwähnten Songs zu passen, aber gerade diese Einbeziehung gegensätzlicher Stile unterstreicht den Ausgangspunkt des Albums.
In Traces of You erzählt eine ungewöhnlich kenntnisreiche Künstlerin eine beeindruckend persönliche und daher sehr berührende Geschichte über Dinge, die jeden von uns angehen: das ewige Wechselspiel von Verlust und Hoffnung, von Vergänglichkeit und Neubeginn. Es ist eine Geschichte voller Sinnlichkeit, sie stellt aber auch einen leiden¬schaftlichen Appell an uns alle dar zu erkennen, dass trotz gewaltiger Unterschiede unserer sozialen, kulturellen, religiösen und geografischen Gegebenheiten unsere grund¬legenden menschlichen Erfahrungen weitgehend ähnlich sind. Traces of You schafft eine lebensbejahende Klangwelt, in der die ansteckende Kraft der Hoffnung leuchtet.

-> Zur Website von Anoushka Shankar

ANOUSHKA SHANKAR – “Traces of You”
17.05.2013 Darmstadt, Staatstheater -> Tickets
18.05.2013 Karlsruhe, Tollhaus -> Tickets
22.05.2014 Hamburg, Laeszhalle -> Tickets
24.05.2014 Köln, Philharmonie -> Tickets
25.05.2014 Würzburg, Mozartfest – Vogel Convention Center -> Tickets

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