Carleen Anderson

Carleen Anderson

Wenn es um Live-Auftritte gehe, sagte die große Amy Winehouse zu Beginn ihrer Karriere einmal in einem Interview, wenn man also über ECHTE Live-Auftritte rede, dann müsse man sich Carleen Anderson anschauen. Und jeder, sagte sie noch, sollte einmal Carleen Anderson gesehen haben. Nicht einmal, nein, dreimal. Bei Songs wie dem puren, piano-jazzigen Oasis-Cover “Dont look back in anger” wisse man, ach, wie man Tränen vergiesse, und wie herz- und welterschütternd eine Stimme sein könne. Das Zitat hierzu stammt aus der BBC Dokumentation “When Amy went to Dingle” (-> http://vimeo.com/36177367)

Und ja, man glaubt es auf Wort. Wenn die inzwischen Mitte 50-jährige Carleen Anderson auf der Bühne ihre dunkle Stimme erhebt, schneidet der warme Klang durch Mark und Bein wie das  Messer durch die Butter. Das ist nicht einfach Jazz oder Funk, das ist eine fast schon religiöse Erfahrung – auf Sänger- wie auch Zuhörerseite. In ihren Songs vereint Anderson die kraftvolle Rauheit einer Nina Simone mit der spielerischen Stimmakrobatik einer Billie Holiday, und kreiiert so scheinbar aus dem Nichts ganz einmalige, echte Momente von Nähe, die nicht nur einer Amy Winehouse ein Tränchen entlocken. Diese Nähe und Wahrhaftigkeit haben dabei ganz und gar nichts mit Rührseeligkeit zu tun. Im Gegenteil, Carleen Anderson zieht sie seit über 25 Jahren Bühnenpräsenz aus einer durchaus ungewöhnlichen Neugierde und Offenheit jeglichen neuen Richtungen gegenüber. Ihr Repertoire umfasst keineswegs nur Balladen und Jazzklassiker, nein, ihre erste Karrierespitze erlebte Anderson zu Beginn der 1990er Jahre im Umfeld der englischen Acid-Jazz-Szene, wo sie als Sängerin der Band Young Disciples und gemeinsam mit den Brand New Heavies zur markanten Frontfrau dieser kurzlebigen, aber enorm einflussreichen Musikrichtung wurde.

Carleen Aanderson-b&w

Das Korsett der Acid-Jazz-Etikettierung wurde bald allen ernstzunehmenden Musikern (inklusive Frau Anderson) wieder zu eng, die jazzige Funk-Hiphop-Melange dieser Musik jedoch legte den Grundstein für fast sämtliche Musikrichtungen der späten 1990er und frühen 2000er Jahre, inklusive des – hier kommt Amy Winehouse wieder ins Spiel – Soul- und Funk-Revivals um Sängerinnen wie Winehouse und Adele. Diese berufen sich nicht umsonst auf Carleen Anderson, denn kaum eine andere Sängerin vereint derart glaubwürdig tiefstes stimmliches Herzblut mit einem großen (durchaus politisch gemeinten) musikalischen Anspruch. So ist auch Andersons Coverversion des Oasis-Klassikers “Dont look back in anger” zu verstehen: als eine absolut nach vorn gerichtete Botschaft, geerdet und letztlich verstärkt durch die lange Tradition des Soul.

Diese Traditionen bekam Anderson im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt, gleich in mehrfacher Hinsicht. Als Kind bei den Großeltern in Texas aufgewachsen, mitten in der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, sang sie im Gospelchor der Kirche ihres Großvaters. Hier war sie umgeben von höchst musikalischen Verwandten: Andersons Tante Betty sang vor Martin Luther Kings Predigten, und ihre leibliche Mutter, Vicky Anderson, tourte mit James Brown und seinen JBs um die Welt
All diesen Einflüssen und auch Schwierigkeiten begegnete Carleen Anderson mit einer großen intellektuellen Neugier. Diese trieb sie eben nicht direkt auf die nächste Bühne oder in die Arme ihrer berühmten Verwandten, sondern vorerst auf die Universität und in die Arbeit als Musiklehrerin. Erst 1989, mit 32 Jahren, nahm sie eine Einladung ihres Stiefvaters Bobby Byrd an, mit seinen JB Allstars auf Europa-Tournee zu gehen. Als Partnerin so illustrer Musiker wie Marva Whitney, Maceo Parker oder Fred Wesley entwickelte sie ihren eigenen intensiven Gesangstil, und jene große Neugier, die schließlich in England zur Gründung der Young Disciples und des neuartigen Acid Jazz’ führen sollte.

Unzählige große Kollaborationen (unter anderem mit Incognito, Courtney Pine, Paul Weller und Jocelyn Brown) folgten, bis Anderson heute als Solo-Künstlerin aus dem gesamten Repertoire schöpfen kann, das sie in ihrem bisherigen musikalischen Leben durchlaufen hat. Gemeinsam mit ihrem Trio verbindet sie uralte Soul-Tradition mit ganz heutigen Erfahrungen und kanalisiert sie in nur einem, ganz essentiellen Mittel: ihrer Stimme. Und die führt sie – wie auch die Zuhörer – mutmaßlich noch an ganz neue, unbekannte Ufer.

Livedaten:
CARLEEN ANDERSON TRIO
04.07.2013 Lörrach, Burghof – Stimmen-Eröffnung -> Tickets
17.07.2013 Rheingau Festival, Schloss Vollrads – Seebühne (bereits ausverkauft)

Comments are closed.